FAQ
- HÄUFIG GESTELLTE FRAGEN AN DEN AUTOR (und seine
Antworten)
Warum schreiben Sie Ihre historischen Romane unter
einem Pseudonym, und wie kamen Sie auf Ihr Pseudonym?
Für wen schreiben Sie?
Halten Sie Ihre Romane für "bloße" Unterhaltung?
Was ist für Sie die wichtigste Aufgabe des historischen
Romans?
Was ist historische Wahrheit in Ihrem Roman, was
erfunden?
Es fällt auf, daß in Ihren Romanen
oft Frauen im Vordergrund stehen. Sind Sie auf
starke Frauen abonniert?
Hat die Wahl der historischen Personen, über die
Sie schreiben, etwas mit Ihnen persönlich zu tun?
Versuchen Sie, Ihre eigenen Empfehlungen zum Schreibhandwerk
zu beherzigen, und kommt Ihnen dabei nicht Ihr
psychoanalytisches Wissen in die Quere?
Haben Sie literarische Vorbilder?
Wie sahen Ihre Anfänge als Schriftsteller aus?
Haben Sie vor Ihren historischen Romanen andere
Romane geschrieben?
Welche Funktion hat die Sprache in Ihren historischen
Romanen?
Aus welcher Sicht erzählen Sie in der Regel?
Worin sehen Sie die allgemeine Aufgabe erzählender
Literatur?
ANTWORTEN
Dies geht auf einen Wunsch meines Lektors zurück,
der meinen Namen nicht attraktiv genug fand, den
Vornamen altbacken und abgelegt, und außerdem
meinte, angesichts der unterschiedlichen Themen,
über die ich bisher geschrieben habe, könnte der
Eindruck entstehen, ich sei ein Vielschreiber
mit beliebigen Sujets.
In einem meiner früheren, bisher
unveröffentlichten Romane gab es einen Protagonisten
namens Ernst Berger, eine Art "Schatten-Ich" (D.
Wellershoff). Ich benutzte diesen Namen dann auch
als Pseudonym für einige Essays in der Süddeutschen
Zeitung. "Ernst" klingt jedoch zu ernst, also
brauchte ich einen anderen Vornamen: "Frederik"
ist eine internationale Form von "Fritz": Es gibt
sie im Englischen und Französischen, sie klingt
nordisch und deutsch, also europäisch. Mein Romane
sind ja auch europäisch: Von einem Deutschen geschrieben,
spielen sie in Frankreich, Italien und Deutschland.
"Berger" klingt ebenfalls europäisch. Es ist ein
französisches Wort, es gibt einen englischen Autor
gleichen Namens, und er ist ein nicht allzu ausgefallener
deutscher Name, ohne daß er zu geläufig klingt.
Hinzu kommt, daß er auf Grund einer privaten Selbstdeutung
gebildet wurde. "Berger" ist der Mann am Berg,
der Mann, der immer wieder den Berg erklimmt und
den Stein hinaufschiebt, Sisyphos also, den wir
uns als glücklichen Menschen vorstellen müssen
...
Für alle, die an Menschen und ihren Schicksalen
interessiert sind, die sich lesend entführen lassen
wollen in Gegenden, die sie noch nicht kennen,
wobei ich dies nicht geographisch meine, für alle,
die menschliches Verhalten als grundlegend ambivalent
begreifen. Für mich sind Leser Geschwister im
Geiste. Ich möchte sie fesseln, berühren, erschüttern
womöglich. Daher halte ich nichts davon, sie absichtlich
vor den Kopf zu stoßen, zu verwirren, zu belehren
oder gar Propaganda zu treiben.
Ich gehöre, um mit Jonathan Franzen zu sprechen,
zu den "contract-", nicht zu den "status"-Autoren.
Das heißt: Ich schreibe für Leser, die anspruchsvolle
"Unterhaltung" mögen. Diese Art von Unterhaltung
hat mit Klischeemustern von gut und böse, schön
und häßlich, von siegreichen Helden und leidenschaftlichen
Heldinnen wenig zu tun. Auch Melodramatik und
Kolportageelemente sagen kaum etwas aus über die
(fehlende) Qualität eines literarischen Werks
- der größte Dichter dieser Elemente war in meinen
Augen William Shakespeare.
Ich versuche, intelligente, gut lesbare, spannende,
kurz: fesselnde Romane zu schreiben nach den Lebensgeschichten,
auf die ich stoße. Mich interessiert, wie
die Menschen allgemein und in einem besonderen
historischen Kontext agieren und reagieren, wie
sie leben und lieben, kämpfen und untergehen
oder auch siegen. Ich möchte ihr Leben so
darstellen, daß man ihrer Geschichte gebannt
folgt, getroffen und womöglich erschüttert,
daß man schmunzelt und lacht, daß
man sich wiedererkennen oder abgrenzen kann. Eine
solche Aufgabe erfordert eine komplexe Handlung,
eine durchdachte szenische Dramaturgie, eine differenzierte
Sprache und Figurendarstellung und klare Perspektiven.
Darüber hinaus muß man nichts verkomplizieren
und verrätseln, selbstreferentiell und intertextuell
aufpeppen. Da wir uns beim Schreiben immer in
einem Kosmos literarischer Bezüge bewegen,
ergeben sich die Verweise und Anspielungen von
selbst. Man muß sie nicht zwanghaft suchen,
und sie sollten auch nicht im Vordergrund stehen.
Artifizielle Schnörkel und ein hochfahrend-einschüchternder
oder gar aggressiver Sprachgestus sind mir fremd,
und ich vermeide auch "Brechungen" oder
Verfremdungen, solange sie nicht erzähltechnisch
geboten sind..
In Deutschland herrscht im Literaturbetrieb noch
immer die Trennung zwischen U und E, zwischen
"Unterhaltung" und "ernsthafter", anspruchsvoller
Literatur, auch wenn inzwischen die Mauer bröckelt.
Das Dumme ist, daß ich mich literarisch auf dieser
Mauer angesiedelt habe, oder in dem Spalt zwischen
beiden Literaturdomänen. Vor einigen Jahren schrieb
mir eine bekannte Literaturagentin über den Roman
"Der provençalische Himmel", er sei zu anspruchsvoll
für die Sparte "Unterhaltung" und zu wenig "literarisch"
für die ambitionierten Programme. Ob ihre Aussage
etwas Richtiges trifft, sei dahingestellt, auf
jeden Fall zeugt sie von der Schizophrenie im
deutschen Literaturbetrieb. Dabei sind die Gefechte
der Moderne ausgefochten, die Avantgarde ist fast
aufgerieben, Adornos feinsinnige Veteranen fristen
im Altersheim ihren wohlverdienten Ruhestand.
Heute ist bekanntlich alles möglich, man kann
wieder raunen und romantisieren und sich sprachlich
verschrauben, bis die Grammatik stöhnt. Auf der
anderen Seite sind die Techniken der Moderne längst
Tradition geworden und im Repertoire der sogenannten
Unterhaltungsautoren, wenigstens der besseren,
abrufbar.
Lange genug hat man in Deutschland geglaubt, Kennzeichen
eines guten Romans sei, daß man sich durchquälen
müsse; man hat Trübsinn mit Tiefsinn verwechselt,
egozentrische Nabelschau mit originärer Künstler-Attitüde,
groteske Überzeichnung mit dem Mut zur Wahrhaftigkeit.
Man hat geglaubt: Wenn etwas pathetisch klingt,
aber unverständlich ist, dann hat der Künstler
gesprochen. Ruft heutzutage jemand "Glotzt nicht
so romantisch!" ins Publikum, wörtlich oder im
übertragenen Sinn, klatscht dieses Publikum begeistert
dem theatralischen Kraftmeier zu, der angeblich
all die öden Konventionen zum alten Eisen wirft,
sich in Wirklichkeit jedoch abgeschmackt konventionell
verhält.
Vielen deutschen Autorinnen und Autoren der Feuilletonliteratur
würde die Kenntnis grundlegender Erzähltechniken
und -regeln nicht schaden. Warum es überall Kunstakademien
gibt, auch Musikakademien, in denen erst einmal
Handwerk gelernt wird, in der Literatur jedoch
viele Autoren meinen, man könnte drauflosschreiben,
das ist historisch durch Geniegedanken und Originalitätssucht
erklärbar, trotzdem schwer verständlich. Zum Glück
hat sich in den letzten Jahren einiges geändert,
es gibt an Universitäten und in Literaturhäusern
workshops und Kurse für creative writing, die
Leipziger Universität hat das alte Johannes-R.-Becher-Institut
übernommen und einen Lehrstuhl fürs Schreibhandwerk
eingerichtet.
Mittlerweile ist die deutsche Literatur längst
nicht mehr so kopflastig, egozentrisch und langweilig,
wie sie einmal war, und es wird in ihr wieder
mehr erzählt: Insgesamt eine erfreuliche
Entwicklung..
Um diese Frage zu beantworten, kann man auf die
alten Definition des Horaz zurückgreifen: der
Roman soll prodesse et delectare, nützen und erfreuen,
er soll über eine historische Epoche und die Schicksale
der Menschen, die in ihr lebten, berichten und
informieren, und zwar auf unterhaltsame Weise.
Das heißt, er soll die Leser fesseln, er soll
sie neugierig machen, Anteil nehmen lassen, ihre
Emotionen ansprechen, ihre Fähigkeit zum Einfühlen
und Mitleiden. Dabei steht das Individuum im Vordergrund,
seine Konflikte, sein Kampf, seine Auseinandersetzung
mit den Erfordernissen und Zumutungen seiner Zeit.
Die Historie erscheint uns in unserer sozial abgefederten
Lebensweise als ein Ort der Risiken und des unkalkulierbaren
Schicksals mit heftigen Ausschlägen nach allen
Seiten. Die Liebe scheint absoluter gewesen zu
sein, das Leiden heftiger. Dabei ist das Geschichtliche
ist nicht nur Kulisse, sondern Mitspieler, Milieu
und exotische Fremde, über die wir ebenfalls etwas
erfahren wollen.
Jeder gute historische Roman ist auf der einen
Seite eine Studie der conditio humana, auf der
anderen Seite das farbige, lebenspralle Bild einer
Epoche: nicht wie sie war - dies wird sich selten
zweifelsfrei feststellen lassen -, sondern wie
sie gewesen sein könnte.
Einen historischen Roman zu schreiben ist wie
der Versuch, die Quadratur des Kreises herzustellen
zwischen heute und damals, zwischen Überliefertem
und Phantasiertem, Wirklichkeit und Möglichkeit,
zwischen historischen Zufälligkeiten und dramaturgischer
Zuspitzung, zwischen individuellem Schicksal und
kollektiver Geschichte. Man kann auch sagen, daß
ein historischer Roman, so wie ich ihn verstehe,
einen Spagat vollbringen sollte: eine ferne und
fremde Epoche in ihren lebendigen Alltagsstrukturen,
in ihren Denk- und Fühlmustern uns Heutigen näher
bringen. Dabei muß das Fremde so bewahrt werden,
daß wir etwas Neues erfahren und staunen können;
gleichzeitig muß es noch verständlich sein, damit
wir uns nicht kopfschüttelnd, "befremdet", abwenden.
Ich habe versucht, das Lebensgefühl der Renaissance
und des Mittelalters heutigen Leserinnen und Lesern
verständlich zu machen; ich wollte sie in die
Vergangenheit hineinführen und ihnen gleichzeitig
die Vergangenheit zuführen, nahebringen. Auch
für mich selbst waren die Reisen in die Vergangenheit
eine permanente Quelle des Staunens und Nachdenkens,
des Einfühlens und Mitfühlens.
Ein anderer Aspekt kommt hinzu. Es gibt zahllose
historische Romane über die Heroen unserer Vergangenheit:
über Alexander den Großen und Elisabeth die Erste,
über Eleonore von Aquitanien und Hannibal ante
bzw. ad portas. An ihnen entzünden sich unsere
Bewunderung, unser Staunen, unser Schaudern. Ich
persönlich interessiere mich eher für die zu Unrecht
in Vergessenheit geratenen Personen der Geschichte.
Sie hätten vielleicht große oder berühmte Männer
und Frauen werden können, die Umstände jedoch
ließen sie kurz vor ihrem Ziel scheitern oder
zerstörten sie, bevor sie sich entfalten konnten.
Häufig waren es Opfer, die im Schatten der berühmten
oder auch berüchtigten Täter untergingen. Manchmal
fehlte ihnen auch nur das Strahlende, das Eindeutige
oder einfach die historische Kulisse, vor der
sie agieren und sich abheben konnten.
Solche Menschen dem Vergessen zu entreißen, sie
wieder ins Licht unseres Erinnern zu heben, empfinde
ich als eine meiner vornehmlichen Aufgaben. Daher
wollte ich die blutige Geschichte der braven Waldenser
des Luberon einem breiten Publikum bekannt machen,
lange bevor Hinweisschilder zu den Stätten ihres
Wirkens und Sterbens aufgestellt wurden. Aus den
spärlichen Quellen über Silvia Ruffini, die einem
späteren Papst vier Kinder schenkte und die Grundlage
für eine italienische Dynastie schuf, die aber
dennoch nie in die Öffentlichkeit trat, wollte
ich ein Denkmal für eine Vergessene, für ein vergessenes
Schicksal formen. Auch Caterina Sforza - im deutschen
Bewußtsein kaum bekannt - kann für uns ein Beispiel
sein für einen Menschen höchst ambivalenter Prägung:
Opfer und Täter zugleich, zu ihrer Zeit berühmt
und berüchtigt, angebetet und gedemütigt. Das
gleiche kann man sagen vom deutschen König Heinrich,
der den Gang nach Canossa antrat, von seinem päpstlichen
Gegenspieler sowie der italienischen Markgräfin
Mathilde von Canossa.
Es gibt so viele Opfer und Vergessene, unglaubliche
Schicksale, tragische Verstrickungen, Tapferkeit
bis zum Ende, absurde Größe, gnadenlose Demütigungen.
Wer von ihnen liest, findet etwas, das er der
Banalität täglicher Seifenopern entgegensetzen
kann.
Die Vermischung von Fakten und Fiktionen ist ein
grundlegendes Merkmal des historischen Romans.
Ich versuche, so nah wie möglich an der überlieferten
Geschichte zu bleiben, ohne die Anforderungen
eines fesselnden Romans zu vernachlässigen. Dabei
sollte sie nicht nur mehr oder weniger exotische
Kulisse sein, vor der ein beliebiges Geschehen
abläuft, sondern Mitspieler, zumindest ein Raum,
auf den sich unsere Neugier richtet, die Fremde,
die uns erstaunt und fasziniert.
Ich benutze bekannte historische Daten über die
Personen, über die ich schreibe, veröffentlichtes
Archivmaterial und biographische Darstellungen,
Berichte über Feste, Beerdigungen, Schlachten,
Prozesse usw. Ich recherchiere das alltags- und
kulturgeschichtliche Umfeld, besuche die Schauplätze
meiner Romane.
Mich interessiert jedoch in erster Linie nicht
das äußere Geschehen, sondern die Innendimension,
das Seelenleben der Figuren, die Grundlagen ihrer
Entscheidungen, ihre Motive, die Art und Weise,
wie sie ihr Schicksal meistern usw. Darüber gibt
es bis zum 18. Jahrhundert kaum Quellen.
Ich gestalte die Figuren also nach dem, was auf
der einen Seite historisch überliefert ist und
was auf der anderen Seite psychologisch wie historisch
Sinn macht und heutige Leser nachvollziehen können.
Zu betonen ist, daß ich historische Romane, keine
Biographien oder Sachbücher schreibe. Das heißt:
Ich möchte den dramaturgischen Erfordernissen
eines fesselnden Romans nachkommen. Ich brauche
Protagonisten, die in ihrer Tiefe höchst ambivalent
sind. Ich brauche innere wie äußere Konflikte,
dazu melodramatische Momente, damit ich gefühlsgeladene
action-Szenen gestalten kann. Ich benötige den
Aufstieg und den tiefen Fall, Gefahren und Geheimnisse,
das Opfer und die Rettung.
Um dieses Ziel zu erfüllen, konstruiere ich aus
dem Material, das mir über die Personen zur Verfügung
steht, aus meinem historischen Vorwissen über
die Zeit und meiner narrativen Phantasie eine
Geschichte.
Wieweit erlaube ich mir nun, historisch bekannte
Fakten zu verändern? Mit dieser Fragestellung
muß ich mich in der Planung, im Entwurf und im
aktuellen Schreibvorgang immer wieder auseinandersetzen.
Es gibt Steckbriefdaten, die ich nicht verändere:
Geburtsjahr, Namen, den beruflichen Werdegang
etc. der Personen. Dann gibt es Daten, die man
um der Erzählökonomie willen streichen muß: So
zum Beispiel eine große Anzahl von funktionslosen
Geschwistern. Oder politische Entwicklungen, die
chaotisch und wirr sind, bei denen permanent die
Alliancen gewechselt werden. Hier muß man Akzente
setzen, die großen Linien herausstellen und den
Rest weglassen, weil seine Darstellung langweilen
würde. Natürlich muß man auch das Personal, denen
die Protagonisten begegnen, reduzieren. Gerade
bei historisch bekannten Persönlichkeiten entstehen
sonst überbordend lange, undurchsichtige Romane,
bei denen der Leser kaum den Überblick behalten
kann.
Dies sind handwerklich-technische Aspekte. Interessanter
wird es bei der Entwicklung von Charakterstrukturen.
Zum einen gibt es in der Regel kaum Zeugnisse,
die die Charaktere der historischen Personen benennen,
und wenn, dann handelt es sich meist um Charakterklischees
im typischen Zeitdiskurs: gerecht, mitleidig,
tapfer, tugendhaft usw. (Selbst die persönlichen
Briefe der jungen Caterina Sforza, der Hauptfigur
meiner "Madonna von Forlì", enthalten nur Floskeln,
die mehr verdecken als enthüllen.) Solche Charakterklischees
sind nur grobe Anhaltspunkte, die zudem häufig
von der Parteien Gunst oder Mißgunst geprägt sind.
Dann gibt es die Lebensfakten (so wie Alessandro
Farneses Flucht aus der Engelsburg oder ihre Eroberung
durch die junge, schwangere Caterina Sforza),
aus denen man Schlußfolgerungen ziehen kann. Auf
diese Weise entsteht ein vages Charakterbild,
das der Romancier ausfüllen muß. Aus den ihm zur
Verfügung stehenden Zeugnis-Fragmenten bildet
er eine "runde", differenzierte, ambivalente Figur.
Tatsächlich stellen die Titel der drei Bücher
Frauen in den Vordergrund. Hier spielen auch verkaufstaktische
Überlegungen eine Rolle. Der Verlag legt Wert
auf den Appell an die Leserinnen, die angeblich
80% der Käufer historischer Romane ausmachen.
Inhaltlich ist eigentlich nur "Die Madonna von
Forlì" ein Roman, der vornehmlich die Geschichte
einer starken Frau erzählt. In der "Geliebten
des Papstes", einer boy-meets-girl-Story, die
eine verbotene und eigentlich unmögliche Liebe
umfaßt, steht neben Silvia Ruffini zumindest gleichberechtigt
Alessandro Farnese, der spätere Papst Paul III.
"Die Provençalin" ist eine Familiensaga und entfaltet
ein breites historisches Panorama. Das
gleiche gilt im Grunde auch für den im Mittelalter
spielenden Roman "Canossa", der ein welthistorisches
Ereignis und seine Vorgeschichte zum Thema hat
und dabei das Leben des deutschen Salierkönigs
Heinrich VI. schildert. Daß auch hier wieder mit
Mathilde von Tuszien sowie Heinrichs Mutter Agnes
von Poitou und seiner Gattin Bertha Frauen einen
bedeutenden Raum einnehmen, ist für mich selbstverständlich.
In meinem Gegenwartsroman "Der provençalische
Himmel" stehen eine Reihe von Personen gleichberechtigt
nebeneinander, da kann man nicht von einer Dominanz
des Weiblichen sprechen. In "Die heimliche
Päpstin" dagegen ist die Erzählerin
eine Frau, die das Schicksal zweier ehrgeiziger
starker' Frauen schildert. In diesem Roman
dominieren in der Tat die Frauenfiguren. "Die
Tochter des Papstes" ist ein breit angelegtes
Sittengemälde aus dem Rom der Renaissance
und stellt Kardinal Alessandro Farnese, seine
Familie, die Vorgänge im Vatikan und schließlich
das Schicksal der Stadt in den Vordergrund. Hier
wie auch in meinem "Reichskristallnacht"-Roman
geht es mir, wie in allen Romanen, um die Erkundung
der conditio humana jenseits aller gender-Gesichtspunkte..
Sicherlich. Man braucht keine psychoanalytischen
Theorien oder Annahmen heranzuziehen, um die Stoffwahlen,
die Faszination durch eine Figur und ihr Schicksal
zu begründen. "Man wählt seine Themen nicht, sie
drängen sich auf", schrieb Gustave Flaubert einmal.
Es gibt eine ursprüngliche "Attraktion", die mit
der Psyche des Autors und seiner Lebensgeschichte,
seinen zentralen Konflikten und Themen, seinem
Selbstbild, seinen unausgelebten Wünschen zu tun
hat. Selbst bei einer weitgehend "demiurgischen"
Schreibarbeit, wie es das Verfassen historischer
Romane ist, projiziert man etwas von sich in seine
Helden oder läßt sich von dem Spiegelbild des
Eigenen, auch des eigenen Schattens, faszinieren.
Natürlich geht dies längst nicht so weit wie bei
Romanen, die der Lebensbewältigung, zumindest
der Lebensdarstellung dienen sollen.
Das psychoanalytische Wechselspiel zwischen dem
Autor und seinen Figuren, seinen Geschichten,
dem Formenarsenal, das er verwendet, findet auf
einem weiten Feld statt, über das ich intensiv
gearbeitet habe. Dabei hat mich insbesondere der
Formaspekt interessiert. Allerdings bin ich heute
weitgehend von den Theorien der Psychoanalyse
abgekommen. Die Erkenntnisse der Hirnforschung
und Kognitionspsychologie, der Verhaltensbiologie,
der Säuglingsbeobachtung haben gezeigt, daß hier
ein grundlegender Paradigmenwechsel stattfinden
muß bzw. bereits stattgefunden hat, daß ein Großteil
der psychoanalytischen Grundannahmen nicht mehr
zu halten ist. Der psychoanalytische Keller ist
verstaubt und muß ausgekehrt werden. Mit handfesterem
und einfacherem psychologischem Begriffs- und
Theoriearsenal kann man dann wieder Psyche und
Werk, Leben und Schreiben untersuchen.
Ich versuche mich an die Regeln zu halten, die
ich für richtig und sinnvoll erachte, soweit sie
angewandt werden können. Natürlich gehe ich über
den Standard eines Grundkurses hinaus. Es kommt
auch vor, daß ich gegen bestimmte Regeln verstoße.
Dies ist mir dann durchaus bewußt. Entscheidend
ist letztlich nicht die Regel, sondern das Funktionieren
des Textes. Wenn etwas gegen die Regel funktioniert,
auch gut. Es setzt die Regel nicht außer Kraft,
modifiziert sie höchstens. Schreiben ist keine
mechanische Technikanwendung, sondern kreatives
Tun, das immer in einem Spannungsverhältnis von
Regel und Regelabweichung besteht, daraus auch
seinen Reiz, seine Faszination, sein Geheimnis
gewinnt.
Was die psychoanalytischen Kenntnisse angeht:
Max Frisch hat einmal gesagt: "Ich schreibe wie
im Blindflug." Will sagen, im konkreten Schreibakt
folgt man einer intuitiven Wünschelrute, man sieht
eine Situation vor sich, Worte stellen sich ein
- oder auch nicht -, Rhythmen, Bilder usw. - dabei
denkt man nicht an Theorien, schon gar nicht an
Theorien über die Gründe angeblicher Seelenregungen.
Handwerkliche Fertigkeiten muß man verinnerlicht
haben, mit der Zeit sollten sie zum prozeduralen
Wissen gehören, wenn man so will.
Und das sogenannte Unbewußte? Wenn es angezapft
wird, um so besser, solange es kontrolliert bleibt
und nicht etwa die Überhand gewinnt. Es kann dann
ein Leuchten des Textes hervorbringen, eine auffällige
Dichte, eine Mehrdeutigkeit - aber auch Brüche
bewirken. Die handwerklichen Kenntnisse helfen,
Brüche zu vermeiden, das "Unbewußte" zu kontrollieren.
Es gibt vermutlich so etwas wie ein "kreatives
System" oder ein "kreatives Ich", das sich im
Akt der Produktion befreien kann von dem Diktat
seelischer Stimmen oder der Attacke psychischer
Störfeuer.
Was den historischen Roman angeht: Begibt man
sich in eine ferne Zeit und will man sich an historische
Figuren und Vorlagen halten, schaltet man weitgehend
die Lust an egozentrischer Nabelschau ab. Man
muß sich am Fremden "abarbeiten", um ein heutzutage
beliebtes Wort zu benutzen, in fremde Epochen,
Alltagswirklichkeiten, Denkmuster, Wissensstände
und Erfahrungen einfühlen, man muß sie sich und
dem Leser fühlbar machen. Da hilft die Fähigkeit
zur Empathie. Die eigene Psyche bleibt als basso
continuo immer vorhanden, die Melodie jedoch wird
von anderen Instrumenten als dem Cembalo gespielt.
Was den historischen Roman angeht, eher nicht,
obwohl man aus Erfolgsromanen wie Umberto Ecos
"Der Namen der Rose" und Patrick Süskinds "Das
Parfum" einiges lernen kann, auch von Lion Feuchtwanger.
Es läßt sich jedoch leider nicht leugnen, daß
viele Verfasser(innen) historischer Romane - selbst
ausgesprochene Bestseller-Autoren(innen) - ihr
Handwerk nicht ausreichend beherrschen und nicht
immer gründlich recherchieren.
Generell läßt sich sagen, daß einer meiner großen
Vorbilder ein Epiker ist, der die Technik der
postmodernen "Doppelcodierung" schon lange beherrschte,
bevor das Wort auch nur angedacht war. Er schrieb
in den meisten seiner Romane für eine breite Leserschicht,
elegant, stilvoll und unterhaltsam, und gleichzeitig
durften die Profis und literarisch Hochgebildeten
die zweite Ebene seiner Komposition, seiner Anspielungen
und Leitmotive usw. begreifen und sich an ihnen
delektieren. Ich rede von Deutschlands größtem
Schriftsteller nach Goethe: Thomas Mann. Seine
stilistische Attitüde nachzuahmen lag nie in meiner
Absicht: Dies gelingt nicht, und sie ist mir auch
über weite Strecken zu barock, eitel und pompös.
Aber lernen kann man von Thomas Mann viel, was
Sprache, Komposition, Rhythmus, Figurenzeichnung,
differenzierten Ausdruck angeht, lernen kann man
auch: gleichzeitig anspruchsvoll und unterhaltend
zu schreiben.
"Der Tod in Venedig" gehört zu meinen Lieblingslektüren
überhaupt. Ich habe die Novelle wahrscheinlich
zehnmal gelesen. Auch die "Buddenbrooks" und den
"Zauberberg" las ich mehr als einmal - ebenso
wie Gustave Flauberts "Madame Bovary" und Leo
Tolstois Roman "Anna Karenina", den ich für einen
der größten Romane der Weltliteratur halte.
Ursprünglich schrieb ich autobiographisch angestoßene
Romane, in denen ich Doubles, Alter Egos und Schatten-Ichs
(D. Wellershoff) in den Vordergrund stellte. Vorbild
war Max Frisch, über dessen "Stiller" ich auch
promovierte. Seine Romane las ich ebenfalls x-mal,
insbesondere natürlich den "Stiller", aber ebenso
"Homo faber", sein "Tagebuch 1946-1949" und "Montauk".
Ihm wie auch Thomas Mann gelang es, sein verkleidetes
oder maskiertes Ich zu einem exemplarischen Fall
zu machen und erfolgreich in ein Werk zu überführen.
Insbesondere für Max Frisch bedeutete Schreiben
eine Art von Selbstanalyse und Therapie.
Ebenfalls bedeutsam für meinen literarischen Werdegang
waren die Essays von Dieter Wellershoff, die mir
Wege der Erkundung durch Schreiben aufgezeigt
haben und auch die einleuchtenden Theorien zur
Poetik lieferten, zum Verhältnis von Leben und
Schreiben und zu den Quellen der Kreativität.
Seit geraumer Zeit bin ich allerdings abgekommen
von autobiographisch geleitetem Erzählen, vom
Schreiben als Trauerarbeit und "Heilung des Selbst"
(Heinz Kohut). Eine solche Funktion mag Literatur
haben, aber ich glaube inzwischen, daß sie sie
auf einem Umweg erreicht. Der Autor, der das literarische
Handwerk, die Gesetze verschiedener Genres, die
erfolgreichen Erzähltechniken beherrscht und ihre
Wirkungen einzuschätzen weiß, kann sich vom Eigenen
gefahrlos lösen und sich auf Fremdes einlassen.
Wer von sich abstrahiert und auf andere Menschen
schaut, um unvoreingenommen ihrem Lebensweg zu
folgen und seine Phantasie von ihrem Schicksal
anregen zu lassen, wird mit dem, was ihn selbst
fasziniert, auch andere faszinieren können, sich
womöglich gerade durch das Fremde, das zum Eigenen
wird, selbst stabilisieren.
Zu schreiben begann ich mit fünfzehn: Ich verfaßte
eine Familiengeschichte, die ich nie zuende brachte.
Dann startete ich einen literarischen Lesemarathon
durch die Weltliteratur, fing an, Tagebuch zu
schreiben. Mit sechzehn bildete sich der Wunsch,
Schriftsteller zu werden. Schreibend zu leben
wurde zur entscheidenden Vision, zur Leitidee,
sie ist es bis heute geblieben.
Seit 1962 schrieb ich Gedichte und machte mich
gleichzeitig mit den damals gängigen lyrischen
Strömungen vertraut, suchte Vorbilder und Theorien.
Entdeckte sie zuerst bei Gottfried Benn, der kurz
davor stand, als lyrischer Wortführer abgesetzt
zu werden. Ich studierte Peter Huchel, Paul Celan,
Karl Krolow, Ingeborg Bachmann, das "Museum der
modernen Poesie", Enzensberger, "Mein Gedicht
ist mein Messer", Hugo Friedrichs "Moderne Lyrik"
und stieg selbst in die Traditionslinie dieser
Lyrik ein: Magisches, hermetisches Dichten, teilweise
in der Tradition der Naturlyrik, faszinierte mich,
absolute Lyrik, die Kraft des Klangs. Ich stieg
ein, als diese Art von moderner Lyrik kurz davor
war, obsolet zu werden, gleichzeitig ihren Höhepunkt
erreichte: mit Peter Huchels "Chausseen Chausseen"
zum Beispiel, den späten Gedichten von Paul Celan,
mit Johannes Bobrowski und Karl Krolow.
Diese Phase endete 1965/66, kurz nach meinem Abitur,
mit der Veröffentlichung eines einzigen Gedichts,
das in einer Anthologie erschien ("Verse").
Ab 1966 war die Politisierung des kulturellen
Diskurses unübersehbar, ich wurde Student der
Soziologie - und das Gedichteschreiben erschien
mir als peinlich obsolete Tätigkeit. Brecht wurde
zum Vorbild. Aber politische Gedichte zu schreiben
lag mir nicht, es verschlug mir acht Jahre lang
wortwörtlich die lyrische Sprache.
In den Jahren meines Studiums machte ich mich
immer wieder daran, etwas Episches auf die Beine
zu stellen, dabei auch Experimentelles, Dokumentarisches,
Parodistisches - und eine Veröffentlichung beim
Rowohlt-Verlag scheiterte 1972 um Haaresbreite.
Ich versuchte mich ebenfalls an damals von mir
so genannter Trivialliteratur. Aber schnell scheiterte
ich am Fehlen der handwerklichen Fertigkeiten
und an der Schwierigkeit, Stoffe zu finden, die
etwas hergaben.
1974 und 1976 veröffentlichte ich zwei Erzählungen
im Rundfunk und glaubte, jetzt käme der Durchbruch.
Aber er ließ noch eine ganze Weile auf sich warten.
Ja. Bereits in den siebziger Jahren schrieb ich
zwei autobiographisch getönte, mich heute wenig
überzeugende Romane, Nullnummern, wenn man so
will. Nach der intensiven Lektüre von Dieter Wellershoffs
Essays Anfang der achtziger Jahre stellte ich
mein formales Repertoire um, meine Protagonisten
wurden zu Pilot- bzw. Erkundungsfiguren. Auf diese
Weise sind drei Romane entstanden, und zwar in
diversen Fassungen. Der erste Roman handelt von
einer erotisch aufgeladenen Vater-Tochter-Beziehung,
von einem Bibliothekar, der aus dem Gefängnis
seiner isolierten Welt nicht mehr herauskommt,
so sehr er sich nach einem emotional erfüllten
Leben sehnt. Sein Titel ist seit den letzten Versionen
"Botticellis Engel".
Anfang der neunziger Jahre schrieb ich eine Kindheitsgeschichte,
die zwischen 1948 und 1952 spielt. Sie wird aus
der Sicht des erlebenden Jungen erzählt, allerdings
mit der differenzierten Wahrnehmung und Sprache
eines Erwachsenen. Grundlage für diesen Roman
sind meine zahlreichen Erinnerungen an die ersten
sechs Jahre meines Lebens, genauer, an die Jahre
zwischen meinem dritten und siebten Lebensjahr.
Ich hege einen Schatz an sehr konkreten und farbigen,
auch emotional aufgeladenen Kindheitserinnerungen.
In meinem Buch erzähle ich von dem Aufwachsen
in einem bürgerlichen Elternhaus, porträtiere
ich eine Vaterfigur und das Leben inmitten zahlreicher
Frauen, zeichne die Entdeckung einer Welt nach
und schildere eine Geschichte kindlicher Verluste.
Der dritte Roman ist in seiner letzten Fassung
im Frühjahr 2003 erschienen, und zwar unter dem
Titel "Der provençalische Himmel".
Sprache bleibt für mich in erster Linie Vermittlerin:
Sie soll die Aufmerksamkeit auf das beschriebene
Objekt oder die Person lenken, sie soll Figuren,
Szenen und Schauplätze klar, präzise und plastisch
darstellen. Die Klarheit, so hat ein französischer
Autor einmal gesagt, ist die Höflichkeit der Schriftsteller.
Im Gegensatz zu den épater-le-bourgeois-Berserkern
halte ich viel von Höflichkeit. Die Sprache soll
farbig, elegant und rhythmisch sein, wenn nötig,
auch drastisch. Sie sollte auf verschiedenen Stilebenen
eingesetzt werden, spezifische Idiome treffen
und Figuren charakterisieren. In all diesen Bereichen
ist Sprache nicht Selbstzweck oder gar autopoetische
Maschine, sie weist über sich hinaus, um Bilder,
Vorstellungen und Gefühle zu evozieren und zu
suggerieren. Ideal wäre, der Leser könnte einen
inneren Film verfolgen, mehr noch: in ihm wie
in einem Traum anwesend sein. Es ist viel schwerer,
genau diejenigen Worte niederzuschreiben, die
etwas in vielen Lesern auslösen, was sie anzieht,
hineinzieht, nicht wieder losläßt, als sprachliche
Experimente sich auszudenken und dann nach dem
immer gleichen Strickmuster durchzuziehen.
Für mich stellt die Wahl der Perspektive eine
grundlegende erzähltechnische Entscheidung dar.
Wir erleben uns, unser Schicksal und auch die
"große", die kollektive Geschichte immer aus unserer
individuellen Sicht, also perspektivisch. Als
Erzähler will ich kein Besserwisser und auch nicht
die Rolle des alleswissenden Schreibtischgottes
übernehmen. Ich möchte mich zudem in die verschiedenen
Figuren hineinversetzen, um sie zu verstehen und
verständlich zu machen. Daher schreibe ich perspektivisch.
Meine Kapitel sind aus der Sicht einer der agierenden
Figuren geschrieben, sei es in der Er- bzw. Sie-Form,
sei es durch eine Stimme, die "ich" sagt.
Dieser Perspektivismus hat etwas mit literarischer
Wahrhaftigkeit zu tun, außerdem erlaubt er, mit
Informationsdivergenzen und -defiziten Spannung
zu erzeugen - und eben alle Seiten einer Medaille
darzustellen und auszuleuchten. In der "Provençalin"
gibt es kapiteleinleitende Passagen, in denen
ich quasiauktorial ein Geschehen zusammenfasse,
aber sie bleiben die Ausnahme und sind Hilfsmittel
der Erzählökonomie. Streng perspektivisches Erzählen
hat einen weiteren Vorteil: Es ermöglicht die
Innensicht der Figuren - im inneren Monolog oder
in erlebter Rede. Auf diese Weise entfaltet der
Roman seine große Stärke, das, was er dem Film
voraus hat: Er kann seelische Regungen, Gedanken,
Gefühle usw. sprachlich differenziert ausführen.
Das heute noch immer häufig anzutreffende perspektivische
Hin- und Herspringen, gelegentlich sogar von Satz
zu Satz, zumindest von Absatz zu Absatz, halte
ich für einen erzähltechnischen Fehler, der zeigt,
daß die Autorin bzw. der Autor nicht wirklich
die Technik sprachlicher Realisierung beherrscht.
Die Literatur spiegelt die individuelle Erfahrungsgeschichte
der Menschen, die Selbstdeutungen, die Deutungen
ihres Schicksals, ihrer Zeit, auch vergangener
Epochen. Sie stellt sie so dar, daß wir uns in
ihr wiedererkennen und gleichzeitig mehr über
uns erfahren, als wir vorher wußten. Oder daß
wir jetzt genauer wissen, was wir bisher nur ahnten.
Sie vermittelt uns diese Erkenntnisse und Erfahrungen
auf eine lustvolle, gefühlsintensive Art und Weise,
das heißt sie fasziniert und fesselt uns, sie
erweckt unsere Neugier mit den Mitteln der Spannung
und des Geheimnisses. Sie erweitert unsere Phantasie,
indem sie Vorstellungen evoziert, die wir vorher
in dieser Form noch nicht hatten.
Literatur ist das innere und verinnerlichte Gespräch
der Menschen mit sich selbst: Durch die Veröffentlichung
wird das Selbstgespräch ein Gespräch mit anderen.
Auf diese Weise entsteht eine kollektive Selbstdeutung
und Sinnstiftung, die ein Urbedürfnis des Menschen
ist. In einer solchen Sinnstiftung besteht das
Fernziel, die höchste Funktion künstlerischen
Schaffens und damit auch des Erzählens: Die fragmentarischen
und zufallsbedingten Erfahrungen der Menschen
mit sich und der Welt in einen stimmigen Zusammenhang
zu bringen.
Unter diesem Fernziel gibt es natürlich andere,
weniger weitreichende Ziele: Horaz sah im prodesse
et delectare eine sich ergänzende Doppelfunktion.
Literatur kann auch der Flucht aus einer unangenehm
empfundenen Wirklichkeit dienen, sie kann politisch
aufklären und aufrütteln, indem sie unhaltbare
Zustände zeigt, sie kann die Menschen vor den
Kopf stoßen, um sie aus ihrer angeblichen oder
wirklichen Behäbigkeit herauszulocken, sie kann
an intellektuell-spielerische Bedürfnisse appellieren,
und sie kann die Wirklichkeit so verfremdet darstellen,
daß ungewohnte Seiten deutlich werden. Sie kann
diese Wirklichkeit auch preisen. Und zerstören
wollen. Und letztlich kann sie sich selbst destruieren
- wobei sie, wie man gesehen hat, schnell an ihre
eigenen Grenzen stößt, nämlich sinnlos und unverständlich
wird oder sogar stumm. Und natürlich kann sie
dazu dienen, daß ein Autor bzw. eine Autorin eine
Lebenssünde beichtet, um sich sich etwas von der
Seele zu schreiben.
Es gibt also eine Vielzahl an Funktionen, so wie
es unterschiedliche Adressatengruppen mit divergenten
Bedürfnissen gibt. Daraus folgt eine große Varianz
formaler Mittel. Gerade nach den Reflexionen der
sogenannten Postmoderne darf man sich erlauben,
nicht nur hundert Jahre zurückzublicken, sondern
prinzipiell zweieinhalbtausend. Sophokles hat
uns, wie man gerade im vergangenen Jahrhundert
festgestellt hat, viel zu sagen: Er bescherte
uns nicht nur den Ödipus-Komplex, sondern auch
die analytische Dramaturgie und, darüber hinaus,
die Dramaturgie des klassischen Spannungsbogens,
die weite Strecken des gegenwärtigen Erzählens
- in der Literatur wie im Film - dominiert.
Ich will damit sagen, daß wir nach dem 20. Jahrhundert
frei geworden sind und auf das gesamte Repertoire
der Erzähltechniken zurückgreifen können. Nach
einem Jahrhundert des Experiments und der manieristischen
Schreibweisen wenden wir uns womöglich erneut
verstärkt einem Realismus zu, wie er im klassisch-mimetischen
Roman des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde, erweitert
allerdings durch die Erzählmittel, die im 20.
Jahrhundert erfolgreich getestet wurden.
Genau an diesem Punkt fallen U und E letztlich
zusammen. Befreit von literarischen Ideologien
und vielleicht auch Utopien, befreit vom Geniegedanken
und von der Verklärung der Bohème, befreit von
der Vorstellung, der Autor sei zwangsläufig ein
Gegner seiner Gesellschaft oder der dominierenden
Gruppe seiner Gesellschaft sein, müssen wir sehen,
auf welche Weise wir unsere Botschaft, unsere
Erkenntnisse und unsere Phantasien, unseren Sprachwitz
und unser Erzählvermögen möglichst vielen Menschen
vermitteln können. In diesem Sinne gibt es nicht
einen ernsthaft-anspruchsvollen Königsweg für
die gebildete Elite und einen unterhaltenden Trampelpfad
für die Massen, es gibt - bei allen Unterschieden
in Anspruch, Komplexität und Qualität - nur einen
einzigen Weg, auf dem Autor und Text sein Ziel,
die Leser, erreicht.
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